[English version below]
Das Leeren des Papierkorbs stellt heute vor allem eine symbolische Geste dar. Inszeniert wird ein restloses Verschwinden, das sich jedoch weder im Analogen noch im Digitalen vollständig einlöst. Werden Computerdateien gelöscht, bleiben sie als Rest auf dem Datenträger liegen, bis sie überschrieben werden, und lassen sich mit forensischen Mitteln wieder lesbar machen. Ebenso wenig verschwindet, was in analogen Abfallbehältern entsorgt wird. Das Weggeworfene wird lediglich aus dem Blickfeld verschoben, infrastrukturell abtransportiert, umgearbeitet, in neue Wertschöpfungskreisläufe eingespeist oder andernorts provisorisch angelagert. Die kulturelle Praxis des Wegwerfens erweist sich als Operation, die Dinge nicht zum Verschwinden bringt, sondern selbst Reste erzeugt.
Als Problembegriff wird der Rest zunächst im 19. Jahrhundert, im Zuge von Industrialisierung und urbaner Modernisierung virulent. Das Übriggebliebene und Ausgeschlossene gilt es seither systematisch zu beseitigen und zu verwerten; die Welt selbst wird zu einem Projekt restloser Organisation erklärt (Krajewski 2006). Unter den Vorzeichen der ökologischen Krisen des 20. und 21. Jahrhunderts kann der Rest jedoch nicht mehr ausschließlich als Managementproblem betrachtet werden. Gerade dort, wo Reste das menschliche Wahrnehmungsvermögen unter- oder überschreiten, rücken sie ins Zentrum ökologischer und medialer Fragestellungen. Sie treten in mehreren Registern in Erscheinung: als planetar verteilte Abfallstoffe; als bauliche Relikte der Industriemoderne; als imperial debris (Stoler 2013); als wachsende Bestände kultureller Artefakte in Museen und Archiven; als Datenspuren digitaler Alltagskulturen. Quer zu diesen räumlichen Registern verläuft die zeitliche Signatur des Rests: Er ist, was nach etwas bleibt, und entfaltet seine Wirksamkeit oft verzögert – im Modus der Latenz, des Nachlebens und der Wiederkehr.
Kulturwissenschaftliche Auseinandersetzungen mit Resten gibt es seit den 2000er Jahren, vorwiegend aus soziologischer, literarischer und künstlerischer Perspektive. Auch die Medienwissenschaft hat sich dem Übriggebliebenen zugewandt, allerdings vor allem unter dem Gesichtspunkt technischer Obsoleszenz. Arbeiten zu den residual media (Acland 2007; Gabrys 2011; Parikka 2015; Jucan/Parikka/Schneider 2018) richten ihren Blick auf veraltete, entsorgte oder nachlebende Technologien. Der Themenschwerpunkt schlägt eine Umkehrung dieser Blickrichtung vor: Der Rest soll nicht nur Gegenstand medialer Darstellung und Verwaltung sein, sondern Ausgangspunkt der Theoriebildung, um Grundbegriffe des Medialen wie Spur, Speicher, Übertragung, Milieu und ästhetische Form neu zu befragen. Dass der Rest dabei in vielerlei Gestalt auftritt – als Residuum, Relikt, Rückstand oder Übertrag –, verstehen wir nicht als begriffliche Unschärfe, sondern als Programm: Die Differenzen zwischen diesen Begriffen sowie ihr Verhältnis zur Kategorie der Spur (Krämer/Kogge/Grube 2007) können in den Beiträgen selbst zum Thema werden.
Der Heftschwerpunkt lädt ein, diesen Phänomenen anhand konkreter Fallstudien nachzugehen und den Begriff des Rests medientheoretisch weiterzuentwickeln. Beiträge können sich dabei an drei thematischen Annäherungen orientieren.
1. Medien als Restproduzenten
Ein erster Fragekomplex betrifft das Verhältnis von Medien zu ihren Resten. Wenn Medien nicht als neutrale Speicher auftreten, sondern als Operatoren und Selektionsinstanzen, deren Leistung sich häufig an Effizienz bemisst, wohin werden dann die Reste ausgelagert, die jede Übertragung, Filterung und Kompression typischerweise hinterlässt? Ist Ineffizienz hier ein zu behebender Defekt oder vielmehr – wie es die Figur des Parasiten nahelegt (Serres 1980) – eine Bedingung des Medialen selbst? Lässt sich der Rest im Sinne des ‚Übertrags‘ selbst als ‚Überträger‘ medialer Prozesse denken? Eine solche Figuration ruft nicht zuletzt auch jene Sozialfiguren auf, die sich heute um Reste gruppieren. Lässt sich beispielsweise eine ähnliche Konjunktur wie die des Forensikers (Kirschenbaum 2008) auch bei weiteren Figuren beobachten, vom Lumpensammler des 19. Jahrhunderts (Baudelaire, Benjamin) bis zum Gleaner, Cleaner oder Hoarder?
2. Reste als Medien
Ein zweiter Fragekomplex zielt auf das eigene mediale Potenzial materieller Überbleibsel: Inwiefern fungieren physische Reste selbst als Medien, die etwas speichern, übertragen oder vermitteln? Was bedeutet es, wenn Reste ganze Umgebungen prägen, etwa an Orten extraktivistischer Ökonomien und fortdauernder Ökolonialität? Woraus bestehen diese Reste; wie und wo treten sie konkret in Erscheinung? Welche Methoden aus Nachbardisziplinen der Medienwissenschaft, etwa der Geografie, Geologie oder Anthropologie, können für die Analyse dieser Restvorkommen fruchtbar gemacht werden? Welches Wissen lagert sich in ihnen ab, das kein anderes Medium in gleicher Weise festhält? Angesprochen sind damit auch künstlerische Praktiken, die Reste als Medien ‚auslesen‘, ihre Wissensbestände freilegen und sie in neue Handlungszusammenhänge überführen.
3. Ästhetik des Rests
Ein dritter Fragekomplex richtet sich auf die ästhetische Dimension des Rests. Wie tritt das Übriggebliebene sinnlich in Erscheinung, und wie entzieht es sich gerade der Wahrnehmung? Wir schlagen vor, den Rest im doppelten Sinn als spektral zu beschreiben: als gespenstische Wiederkehr des unvollständig Beseitigten (Derrida 1993; Gordon 1997; Tsing et al. 2017) sowie als Gegenstand technischer Sichtbarmachung, etwa dort, wo Mikroplastik oder Feinstaub erst durch spektroskopische Verfahren wahrnehmbar werden. Das Spektrale verbindet so ästhetische und forensische Fragestellungen. Dass diese Wahrnehmbarkeit selbst nicht neutral verteilt ist, hat zuletzt Rizvana Bradley mit dem Konzept des black residuum (Bradley 2023) zugespitzt. Der ausgeschlossene Rest steht hier nicht für den Rand, sondern für den verleugneten Grund der herrschenden ästhetischen Ordnung. Wie der Rest erscheint, entscheidet nicht nur darüber, was sichtbar wird, sondern auch darüber, welche Affekte er mobilisiert – von Ekel und Abscheu über Nostalgie und Melancholie bis hin zu Faszination oder Gleichgültigkeit. Jenseits von Junk Art und Trash geht es weniger um den Rest als Motiv als um die Frage, was an ihm überhaupt wahrnehmbar wird, für wen und um welchen Preis.
Wir freuen uns über medientheoretisch engagierte Vorschläge aus interdisziplinären Forschungsbereichen. Wir bitten um die Einreichung aussagekräftiger Abstracts (ca.300 Wörter) inkl. einer kurzen biografischen Info bis zum 02.10.2026 an franziska.barth[at]kwi-nrw.de, henriette.gunkel[at]ruhr-uni-bochum.de und felix.hasebrink[at]ruhr-uni-bochum.de. Einreichungen sind in deutscher oder englischer Sprache möglich. Benachrichtigungen über angenommene Abstracts erfolgen bis zum 31.10.2026. Die finalen Texte (ca. 35.000 Zeichen inklusive Leerzeichen, Fußnoten und Literaturverzeichnis) sind bis zum 05.02.2027 einzureichen. Das Heft wird im Herbst 2027 erscheinen. Weitere Informationen zur Zeitschrift Navigationen unter https://www.universi.uni-siegen.de/katalog/zeitschriften/navigationen/?lang=de
English Version:
Call for Abstracts: Navigationen (2/2027): Media | Residues
Emptying the trash bin is today, above all, a symbolic gesture. It stages a disappearance without remainder that is never fully achieved, whether in the analogue or the digital realm. When computer files are deleted, they may remain on the storage medium as residue until they are overwritten, and can be rendered legible again by forensic means. The same holds for what is discarded into physical waste bins, which does not simply vanish. What is thrown away is merely shifted out of view: carried off by infrastructures, reprocessed, fed into new cycles of value creation, or provisionally deposited elsewhere. The cultural practice of discarding thus proves to be an operation that does not simply make things disappear, but itself produces residues.
As a conceptual problem, the residue becomes pressing in the nineteenth century, in the wake of industrialization and urban modernization. From this point on, what is left over or excluded is to be systematically removed or put to use; the world itself is declared a project of organization without remainder (Krajewski 2006). Against the backdrop of the ecological crises of the twentieth and twenty-first centuries, however, the residue can no longer be regarded solely as a problem of management. Precisely where residues fall below or exceed the threshold of human perception, they move to the center of ecological and media-theoretical questions. They appear across several registers: as waste matter distributed across the planet; as the built relics of industrial modernity; as imperial debris (Stoler 2013); as the growing holdings of cultural artifacts in museums, archives, and depots; and as the data traces of everyday digital cultures. Cutting across these spatial registers runs the temporal signature of the residue: it is what remains after something, and it often takes effect belatedly — in the mode of latency, afterlife, and return.
Cultural-studies engagements with residues have gained momentum since the 2000s, mainly from sociological, literary, historical, and artistic perspectives. Media studies, too, has turned to what is left over, though largely through the lens of technological obsolescence. Work on residual media (Acland 2007; Gabrys 2011; Parikka 2015; Jucan/Parikka/Schneider 2018) attends to obsolete, discarded, or surviving technologies. This special issue proposes to shift that line of inquiry. The residue should be not merely an object of media representation and administration, but a starting point for theory: one from which to rethink basic concepts of the medial such as trace, storage, transmission, milieu, and aesthetic form. That the residue takes many forms in the process — as residuum, relic, remainder, or carry-over — we understand not as conceptual vagueness but as program: the differences among these terms, as well as their relation to the category of the trace (Krämer/Kogge/Grube 2007), can themselves become a subject of the contributions.
This special issue invites contributors to pursue these phenomena through concrete case studies and to develop the concept of the residue in media-theoretical terms. Contributions may orient themselves along three lines of inquiry.
1. Media as Producers of Residues
A first set of questions concerns the relation of media to their residues. If media appear not as neutral stores but as operators and instances of selection whose performance is often measured by efficiency, then where do the residues go that every transmission, filtering, and compression leaves behind? Is inefficiency here a defect to be corrected, or rather — as the figure of the parasite and the noise of information theory suggest (Serres 1980) — a condition of the medial itself? Can the residue, in the sense of a carry over, itself be thought of as a carrier of media processes? Such a figuration also calls up the social figures that gather around residues today. Might other figures show a prominence comparable to that of the forensic analyst (Kirschenbaum 2008), from the nineteenth- century ragpicker (Baudelaire, Benjamin) to the gleaner, cleaner, or hoarder?
2. Residues as Media
A second set of questions addresses the medial potential proper to material remnants. To what extent do physical residues themselves function as media that store, transmit, or mediate? What does it mean when residues shape entire environments, for instance at sites of extractivist economies and ongoing ecoloniality? What are these residues made of; how and where do they concretely appear? Which methods from disciplines neighboring media studies — geography, geology, or anthropology — can be made productive for analyzing such residual deposits? What knowledge is laid down in them that no other medium holds in the same way? This also concerns artistic practices that read residues as media, expose the bodies of knowledge stored within them, and carry them over into new contexts of action.
3. Aesthetics of the Residue
A third set of questions turns to the aesthetic dimension of the residue. How does what is left over appear to the senses, and how does it withdraw from perception? We propose to describe the residue as spectral in a double sense: as the ghostly return of what has been only incompletely removed (Derrida 1993; Gordon 1997; Tsing et al. 2017), and as an object of technical visualization — as where microplastics or particulate matter become perceptible only through spectroscopic procedures. The spectral thus binds aesthetic and forensic questions together. That such perceptibility is not itself neutrally distributed has recently been sharpened by Rizvana Bradley through the concept of the black residuum (Bradley 2023). Here, the excluded residue stands not for the margin but for the disavowed ground of the prevailing aesthetic order. How the residue appears determines not only what becomes visible, but also which affects it mobilizes — from disgust and revulsion through nostalgia and melancholy to fascination or indifference. Beyond junk art and trash, the concern is less the residue as motif than the question of what about it becomes perceptible at all, for whom, and at what price.
We welcome proposals with a strong media-theoretical orientation from across interdisciplinary fields of research. Please submit substantive abstracts (approx. 300 words), together with a short biographical note, by 2 October 2026 to franziska.barth[at]kwi- nrw.de, henriette.gunkel[at]ruhr-uni-bochum.de, and felix.hasebrink[at]ruhr-uni-bochum.de. Submissions may be made in German or English. Notifications of accepted abstracts will be sent by 31 October 2026. Final texts (approx. 35,000 characters including spaces, footnotes, and bibliography) are due by 5 February 2027.The issue will appear in autumn 2027.
Further information on the journal Navigationen is available at https://www.universi.uni-siegen.de/katalog/zeitschriften/navigationen/?lang=de.
