Als Caméra Stylo, als »Griffel des Filmkünstlers«, kann die Filmkamera verschiedene Erzählhaltungen, bzw. Erzählsituationen einnehmen. Sie kann (a) Basics zwischen der außerfilmischen Wirklichkeit und dem Zuschauer vermitteln. Sie spielt dann eine mediatisierende, beobachtende Rolle, verzichtet darauf, selbst zu handeln, und entfaltet keine eigene Dynamik. Die beobachtende Kamera kann völlig statisch sein, oder sie kann die Bewegungen der abgebildeten Objekte nach vollziehen, indem sie ihnen folgt und sie im Bild hält.

Sie kann aber auch (b) eine aktive und expressive Rolle übernehmen. Die autonome Kamera bewegt sich wie ein selbständiger Akteur im Raum. Neben den handelnden Schauspielern übernimmt die Kamera eine weitere, eigenständige Rolle im Film.

Eine autonome Kamera, die sich nicht auf die Beobachterrolle beschränkt, ermöglicht ein mehrdimensionales Erzählen. In Friedrich Wilhelm Murnaus »Der letzte Mann« (D 1923) erlebt der Zuschauer die Ereignisse durch die Augen des Helden und lernt durch die zeitweise selbständig agierende Kamera (»entfesselte Kamera«) die Perspektiven und Gedanken des Erzählers (Regisseurs) kennen. Murnaus Vorgehen in diesem Film könne man, so Frieda Grafe, in Anlehnung an die Kategorie der erlebten Rede in der Literatur als »erlebtes Denken« oder besser noch als »erlebten Blick« bezeichnen.

Erzählhaltungen kommen selten in reiner Form vor; meist gibt es Mischformen und Kombinationen. 


Statische Kamera


Statische (starre, feste) Kamera wird in keine Richtung gedreht oder bewegt. Sie erfasst also:

  • Bewegung im Bild
  • Bewegung ins Bild hinein
  • Bewegung aus dem Bild heraus
  • ein statisches Bild.

Bewegung kann sich innerhalb des Bildes abspielen: Das Bild (die Szene) ist dann (in sich) geschlossen. Bewegung kann aber auch ins Bild hinein- oder aus dem Bild herausspielen: Das Bild oder die Szene, ist offen, der »natürliche« Rahmen der Kadrierung ist gesprengt. Eine statische Kamera kann auch ein statisches Bild auf nehmen. Meist handelt es sich dabei um ornamentale oder monumentale Bilder eher fotografischen als filmischen Charakters. 


Kamerabewegungen


Unterschieden wird zwischen dem Kameraschwenk, bei dem sich die Kamera dreht, und Kamerabewegungen der Kamerafahrt, bei der sich die Kamera im Raum bewegt.

Beim Schwenk (pan) wird die Kamera in vertikaler oder horizontaler Richtung um die eigene Achse gedreht. Alle denkbaren Kombinationen von Horizontal- und Vertikalschwenks sind in Gebrauch. Ein Schwenk kann in einer statischen Einstellung beginnen, sich kontinuierlich beschleunigen, eine konstante Geschwindigkeit erreichen, dann wieder kontinuierlich langsamer werden und in einer statischen Einstellung enden. Ebenso ist es aber auch möglich, nur den Anfang, das Ende oder den Mittelteil der kontinuierlichen Bewegung zu verwenden.
Der 360-Grad-Schwenk ist eine komplette Drehung der Kamera um die eigene Achse in horizontaler Richtung. 


Kamerafahrt

(traveling shot)


Die Kamerafahrt (traveling shot) ruft den Bildeindruck kontinuierlichen Gleitens hervor.

Bei Fahraufnahmen wird die Kamera auf einen auf Schienen oder weich federnden Gummireifen laufenden speziellen Kamerawagen (Dolly) oder andere Fahrzeuge montiert: auf ein Auto, eine Eisenbahn, ein Schiff, ein Flugzeug, einen Helikopter oder Ballon etc.
Die Veränderung der Kameraposition im Raum bringt – im Gegensatz zum Zoom – eine Veränderung der Proportionen der Subjekte und Objekte zueinander mit sich.

Mit einem besonderen Tragstativ, das der Kamera mann Garrett Brown entwickelt hat, lassen sich auch mit der Handkamera ruhige Bewegungen ohne Wackeln filmen. Durch die mit der sogenannten Steadicam gegebene Möglichkeit, auf Dollys verzichten zu können, gewann die Kameraarbeit eine ganz neue, die Filmästhetik prägende Bewegungsfreiheit.


Bei einer Horizontalfahrt gleitet die Kamera horizontal am statischen Bildinhalt vorbei. Bei schneller Fahrt kann es – wie beim Blick aus dem Fenster eines fahrenden Zuges – zu Wischeffekten kommen.


Es sind Ran- und Rückfahrten zu unterscheiden. Die schnelle Ranfahrt hat – noch stärker als ein Ransprung -Zeige- und Hinweisfunktion. Sie verdichtet den Hauptbildinhalt, während die Umgebung aus dem Blickfeld verschwindet.

Bei Rückfahrten ist es umgekehrt – der Kontext von Bilddetails wird in den Blick genommen. Bei schienen gebundener Dolly-Rückfahrt muss der Fahrtraum dort enden, wo die Schienen „ins Bild kämen.
Bei einer Parallelfahrt fährt die Kamera horizontal neben dem sich in gleicher Richtung bewegenden gefilmten Objekt, einer laufenden Person beispielsweise.
Je nach Geschwindigkeitsdifferenz bleibt – der Hauptbildinhalt im Mittelgrund klar erkennbar und scharf, während sich der Hintergrund verwischt.
Bei Parallelfahrten werden häufig Kamerabühnen genutzt.


Für Vertikalfahrten muss in der Regel ein Kran benutzt werden, der die Kamera anhebt oder absenkt. Kranfahrten erlauben, vertikale und horizontale Bewegungen frei zu kombinieren. Vertikale Kranfahrten werden in Hollywood-Filmen gerne als Übersichtseinstellungen verwendet. Die Anfangs- und Schlusseinstellungen von Hollywood-Filmen sind häufig vertikale Kranfahrten, die vou einer Totalen in die Nahe oder umgekehrt, von einer Großeinstellung in die Totale gehen. Intensiver und eindrucksvoller als Ran- beziehungsweise Rückfahrten stellen sie einen Zusammenhang her zwischen dem Einzelnen und seiner Umgebung. Horizontale Kranfahrten weiden in jüngerer Zeit gerne bei Fernseh-Live-Übertragungen verwendet – in Shows, im Sport und in Konzerten.


Schwenks, vertikale und horizontale Fahrten lassen sich bei Kranfahrten – das ist ihr großer Vorteil – leicht miteinander kombinieren. Das ist aber auch der Grund, weshalb sie etwas Artifizielles haben. Im Gegensatz zur Kamerafahrt und zum Schwenk realisieren sie Bewegungen, denen kein natürlicher Bewegungsablauf des Menschen entspricht.


Bei der 360-Grad-Umkreisung bewegt sich die Kamera meist autonom und schneidet dabei ihren Gegenstand gleichsam aus seinem Kontext heraus.
Ein Beispiel: Ein tanzendes Paar, das die Kamera in derselben Richtung umkreist, wie sich die beiden drehen, bekommt vor dem sich verwischenden Hintergrund etwas Statisches. Kreist die Kamera hingegen in gegenläufiger Richtung, scheint sich das Paar mit größerer Geschwindigkeit zu drehen. Beide, Gegenstand und Hintergrund, verwischen.

Kreisfahrten, bei denen die Kamera den Gegenstand nur einmal umrundet, sind meist langsamer. Mehr-fachumrundungen werden meist immer schneller. Der langsamen Kreisfahrt entspricht die natürliche Bewegung eines menschlichen Betrachters, der einen Gegenstand — zum Beispiel eine Skulptur im Museum – eingehend betrachtet und ihn dabei umkreist. Anders die schnelle Kreisfahrt, der keine habituelle Bewegung entspricht — es sei denn der Grenzfall des Schwindligwerdens, wie bei einem rasend schnellen Walzer.


Die verschiedenen Kamerabewegungen können in jeder nur denkbaren Weise miteinander kombiniert werden, sei es, dass einzelne Bewegungen aufeinanderfolgen (auf eine Ranfahrt folgt ein Rechtsschwenk), sei es, dass die Bewegungen gleichzeitig ausgeführt werden (ein Rechtsschwenk während einer Ranfahrt).